Haiku und Tanka, Jotin 13.09. bis 12.10.2011: Ist die Empfindung von „Göttlichem Stolz“ eine Aufblähung des Ego oder aber ein unverzichtbarer Bestandteil jeden spirituellen Weges?

Ist die Empfindung von „Göttlichem Stolz“ eine Aufblähung des Ego oder aber ein unverzichtbarer Bestandteil jeden spirituellen Weges?

 

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Wer meditiert, empfindet das in der Regel als sehr wohltuend, körperlich und noch mehr seelisch. Der Blutdruck sinkt und man gewinnt Abstand von seinen Problemen. Man überblickt seine Probleme von einer höheren Warte aus. Von der „größeren Höhe“ aus schrumpfen sie und nehmen die Winzigkeit an, die sie tatsächlich haben. Man gewinnt einen größeren Überblick, sieht sie evtl. vor dem Hintergrund der kurzen Zeitspanne des Lebens auf der Erde aus, bedenkt vielleicht auch, welche Bedeutung sie für das Leben auf der anderen Seite haben. Dann geht man auf eine andere, bedachtsamere Weise mit seinen Problemen um.  Intuitiv sieht man Wege, sie zu lösen. Wenn man dann aus der Meditation zurückkehrt, haben die Probleme eine weitaus geringere und auch andere Bedeutung, als sie vorher hatten.Wer über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßig meditiert, verändert sich sogar dauerhaft. Bei ihm erlangen die Probleme überhaupt nicht mehr die Bedeutung, die sie für andere Menschen haben können und die sie für ihn hatten, bevor er anfing zu meditieren.Wer über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßig meditiert, kann darüber hinaus sehr positive Erfahrungen machen, mit denen er überhaupt nicht gerechnet hatte. Es können die Erfahrungen eines spirituellen Weges sein. Wer die buddhistischen Sutren des Mahayana (Buddha zugeschriebene Lehrreden) studiert, erhält einen Einblick in die Dimensionen, die sich über die Jahrhunderte hinweg den Laien und Mönchen auf ihrem spirituellen Weg im Buddhismus geöffnet haben. Buddha soll gesagt haben: „Meditiere und sieh, was geschieht“! Zum Buddhismus gehören im Übrigen auch Riten und die Einhaltung von Vorschriften.

In der Form des Buddhismus, die als Tantra bezeichnet wird und vor allem in Tibet viele Anhänger besitzt, wird die Verschmelzung mit dem Absoluten angestrebt und die Vorgehensweise und die Erfahrungen, die hier gemacht werden, gehen noch über die sonstigen des Mahayana hinaus. Im Tantra ist es üblich, Meditationen mit der Vorstellung zu beginnen, dass sich Gottheiten wie insbesondere die Göttin Tara vor einem aufhalten und sie dann in sich hineinzubitten, indem man ihre Energien über das Kronen-Chakra über dem Kopf in sich hineinfließen lässt. Ihre Energien breiten sich dann im grobstofflichen und auch in den feinstofflichen Körpern aus und die Energien der Gottheit vermischen sich mit denjenigen des Meditierenden. Die seelische Struktur des Meditierenden verändert sich. Die Chakren beginnen auf einem hohen Niveau Energien aufzunehmen und auszustrahlen. Das Bewusstsein des Meditierenden verändert sich. Der Lama Thubten Yeshe sagt, dass es dann von Mitgefühl, Liebe und Weisheit erfüllt ist und alle negativen Vorstellungen abgebaut werden. Er spricht von „Göttlichem Stolz“. Auch Ken Wilber vertritt diese Auffassung. Er sagt: „Man macht die Praxis erst richtig, wenn man diesen „göttlichen Stolz“ in sich erfährt. Nun wird Stolz insbesondere im Christentum als etwas Negatives angesehen.  Dabei handelt es sich allerdings um menschlichen Stolz, nicht um den göttlichen Stolz, von dem hier die Rede sein soll. Der göttliche Stolz ist ein nichtverblendeter Stolz, bei dem man eine Annäherung an das Göttliche und die Ausstrahlung des Göttlichen erfährt.

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Eigene Erfahrungen

Der Autor verfügt über eine längere Meditationspraxis. Insbesondere, wenn sich in der Meditation seine Energien mit denjenigen höherer Geistwesen wie denen von Guanshiyin vermischen, nimmt er Empfindungen wahr, von denen er meint, dass sie sich als „Göttlicher Stolz“ bezeichnen lassen. Er empfindet diese Bezeichnung zwar nicht als besonders glücklich, weiß aber auch keine bessere. Was sind das für Empfindungen, die sich auch seiner Auffassung nach als „Göttlicher Stolz“ benennen lassen. Es beginnt damit, dass er in der Meditation über mehr als eine Stunde hinweg nicht die geringste Schwierigkeit hat, absolut aufrecht zu sitzen. Außerhalb der Meditation gelingt ihm dies nicht, ohne sich anzulehnen. Natürlich hat dies noch nichts mit „Göttlichem Stolz“ zu tun. Es ist lediglich ein Zeichen dafür, dass während der Meditation besondere Energien fließen. Wenn sich seine Energien in tiefer Meditation mit den Energien wie denjenigen von Guanshiyin, der Göttin der Barmherzigkeit mischen, bemerkt er, dass er dann den Dingen gegenüber achtsamer wird. (Tara gilt als eine Vorläuferin von Guanshiyin, dem Bodhisattva bzw. der Göttin der Barmherzigkeit, die auf die Notrufe der Welt achtet.) Er wird dann ein Buch, das er auf den Boden legen möchte, nicht mehr dorthin werfen, sondern es dorthin legen. Wesenheiten gegenüber ist er freundlicher und liebevoll. Die Begegnung mit ihnen erfreut ihn. Seine Empfindungen der Welt gegenüber lassen sich mit einem Satz beschreiben, der für das DAO charakteristisch sein soll. „Das DAO liebt (und nährt) alle Dinge, ohne sich zum Herren über sie zu erheben.“  Anscheinend ist er dann tatsächlich von Mitgefühl, Liebe und Weisheit erfüllt und ohne jede negative Vorstellung, wie der Lama Thubten Yeshe sagt.Etwas sehr Bemerkenswertes tritt ein, wenn er sich in diesem Zustand auf eine oder eine Gruppe von Wesenheiten konzentriert. Sie sind dann plötzlich von Licht und Liebe erfüllt. Für die Beobachtungen, die der Autor dann empfindet, gilt wahrscheinlich die folgende Aussage von Lama Thubten Yeshe für einen ähnlichen Zustand:„Stell dir vor, dass Tara(, eine Vorläuferin von Guanshiyin,) vor dir im Raum ist. Dann sinkt Tara in dich und du wirst Tara. Von deinem Tara-Herzen aus geht Licht in alle 10 Richtungen. Es reinigt die ganze Umgebung und alle Lebewesen von ihrem Leiden. Sie werden alle zu Tara und sinken in dein Herz.“ 

Sri Chinmoy, ein bekannter spiritueller Lehrer, vergleicht den menschlichen Stolz mit dem göttlichen Stolz.

Er sagt: „Mein menschlicher Stolz fühlt, dass ich alles kann. Mein göttlicher Stolz, der Stolz, der sich dem Willen Gottes überantwortet hat, weiß, dass ich nur dann alles kann, wenn der Supreme mich inspiriert, mich führt und mir hilft.
Mein menschlicher Stolz will, dass die Welt mich, meine Liebe, meine Hilfe und mein Opfer versteht. Mein göttlicher Stolz, der das Gefühl des Einsseins aller in Gott ist, wünscht sich nicht, dass die Welt meine selbstlosen Aktivitäten versteht. Er fühlt, dass es keine größere Belohnung geben kann, als wenn Gott mich versteht und meine Motive kennt…
Mein menschlicher Stolz fürchtet sich viele Dinge zu sagen und schämt sich viele Dinge zu tun. Mein göttlicher Stolz fürchtet sich nicht, irgendetwas zu sagen und schämt sich nicht irgendetwas zu tun, denn er weiß, dass Gott zugleich Handelnder und Handlung ist. Wovor sollte ich mich fürchten? Worüber sollte ich mich schämen?
Mein menschlicher Stolz zertritt die Menschheit mit vom Menschen erworbener Kraft. Mein göttlicher Stolz befreit die Menschheit mit gottgegebener Macht.
Wenn ich sage, dass Gott mein ist und ich Ihn nach Belieben benutzen kann, so hege ich meinen menschlichen Stolz. Wenn ich aber sage, dass ich Gottes bin und mein Dasein gehorsam Ihm zu Füßen liegt, dann hege ich göttlichen Stolz.
Die materielle Welt spricht zu meinem menschlichen Stolz: „Jeder von uns wird entweder siegen oder scheitern und vergehen.” Die spirituelle Welt spricht zu meinem göttlichen Stolz: “Wir werden uns gemeinsam bemühen und gemeinsam den Sieg erringen.”
 

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One Response to “Haiku und Tanka, Jotin 13.09. bis 12.10.2011: Ist die Empfindung von „Göttlichem Stolz“ eine Aufblähung des Ego oder aber ein unverzichtbarer Bestandteil jeden spirituellen Weges?”

  1. Katharina L. sagt:

    Lieber Herr Giebel,

    vielen Dank für diesen wunderschönen Blog. Er gibt einem Kraft, wenn man sie benötigt und die publizierten Bilder sind wahrlich ein Augenschmaus.

    Liebe Grüße aus Wuppertal.