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Haiku und Tanka, Jotin, 03. November 2013: Wann hat unser Handeln die größte Aussicht auf Erfolg?

Sonntag, November 3rd, 2013

Wann hat unser Handeln die größte Aussicht auf Erfolg?

In den beiden letzten Weblogs wurden Eigenschaften der Schöpfer-Ebene erläutert, die von den Buddhisten als Dharmadhatu = Ort des Gesetzes, in der Kabbala als Ain Soph = Urlicht und in der chinesischen Tradition als Wuji = Gestaltloser Urgrund bzw. DAO = Weg und Ursprung von Allem bezeichnet wird. Die Daoisten setzen Wuji und DAO einander gleich. In der hinduistischen Philosophie ist die Schöpfer-Ebene Brahman und stellt den Urgrund von allem dar, was ist. Die älteste Bedeutung von Brahman in den Veden ist „heiliges Wort“ und von daher hat Brahman auch die Bedeutung einer „heiligen Kraft“. Obwohl es keine Eigenschaften hat, wird es doch als „Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit“ beschrieben. Ebenso wie das DAO so kann auch keine Aussage das Brahman definieren. Nach späteren Schriften wird Brahman im Einzelnen als Atman erkannt. Der Atman wird auch als Selbst und im Westen als höheres Selbst bezeichnet.
Eine Haupt-Eigenschaft der Schöpfer-Ebene ist, dass auf ihr bereits alles keimhaft oder potentiell vorhanden ist und in jedem der dort vorhandenen Urbilder, ob es sich nun um Mensch, Tier, Pflanze, Stein oder auch Gedanke oder Gefühl handelt, wiederum alle Elemente oder Urbilder enthalten sind, was bedeutet, dass Alles mit Allem verbunden ist. Die Schöpfer-Ebene enthält auch die Matrix der Verbindungen von Allem mit Allem.

 

Wuji Thangka mit Buddha Amidas Reinem Land

Thangka (Rollbild) mit Buddha Amidas Reinem Land (eigenes Foto).
Die Anhänger des Buddha Amida erwarten eine Wiedergeburt
in Buddha Amidas Reinem Land.
Das Rollbild weist die Schwingungen der siebten Ebene, der Schöpfer-Ebene, auf.

 

Wuji Chin. Münze mit Nichts-Anfang Wuji

Ur-Qi auf einer chinesischen Münze (eigenes Foto) Nach
daoistischer Vorstellung entstand die Welt aus dem Ur-Qi, in dem Yin und Yang noch
vermischt waren. Das Ur-Qi kann mit Wuji, dem gestaltlosen Ur-Grund gleichgesetzt
werden.

 

Die chinesische Überlieferung besagt, dass das DAO nicht in Worte gefasst werden kann. Wohl aber kann man sich ihm annähern. Es nimmt Platz in einem Menschen, wenn „das Herz leer und die Gedanken still sind“. Man kann das DAO zwar nicht begreifen, aber man kann damit „arbeiten“ und dann soll es unerschöpflich sein, d.h. man kann daraus unendlich viel Lebenskraft und Erkenntnis schöpfen.
Im Neiguan jing,– der Schrift der Innenschau, heißt es:

Das DAO wird vom Herzen erkannt.
Das Herz wird vom DAO erleuchtet.
Ist das Herz erleuchtet, steigt das DAO zu ihm herab.
Ist das DAO zu ihm herabgestiegen,
durchdringt das Herz alles.

Langfristig erfolgreich soll nur derjenige sein, der in Übereinstimmung mit dem DAO handelt. Aber was muss man tun, um in Übereinstimmung mit dem DAO oder auch dem Willen Gottes zu gelangen? Vom DAO heißt es:

„Das DAO liebt und nährt alle Dinge, ohne sich zum Herren über sie zu erheben“.

In Übereinstimmung mit dem DAO zu handeln, dürfte also als erstes bedeuten, dass wir bei unserem Handeln die berechtigten Belange anderer Menschen sowie der Tiere und Pflanzen und auch der „unbelebten“ Natur berücksichtigen, die von diesem Handeln betroffen sind.

Das wäre dann eine erste Näherung an ein Handeln in Übereinstimmung mit dem DAO.

In enger Verbindung mit der Schöpfer-Ebene steht das Göttliche im Menschen, in der indischen Überlieferung Selbst, im Westen höheres Selbst, in China Urgeist und von Buddhisten Buddha-Natur genannt. Im Nirvana-Sutra wird die Buddha-Natur vom Buddha als das wahre Selbst Buddhas erklärt und als beständig, fest und ewig beschrieben. Im Angulimaliya-Sutra wird dann gesagt, dass die Buddha-Natur in jedem Wesen zu finden ist.
In der Kabbala heißt diese Seele Neschamah und es wird dort von ihr gesagt, dass sie vor Gott das Sagen hat.

Wie gemalte Bilder Abbilder der Schöpfer-Ebene sein können, so können auch Worte, insbesondere Gedichte, Schwingungen dieser siebten Ebene aufweisen. Hierzu gehört das folgende Gedicht des chinesischen Dichters Li Po (701 bis 762), dessen Werke in starkem Masse sowohl von ihrer Sponanität als auch den seelischen Empfindungen her daoistische Elemente aufweisen:

Alle Vögel sind davon geflogen;
Eine einsame Wolke schwebt gemächlich herbei.
Wir werden nie müde, uns einander anzusehen –
nur der Berg und ich.

Schwingungen der Schöpfer-Ebene weist auch das folgende Gedicht von Meister Eckhart (1260 bis 1326/27) auf:

So sich selber gleich
hat Gott die Seele gemacht,
dass im Himmel wie auf Erden
nichts so gottgleich ist
wie des Menschen Seele.

Eckhart spricht von einem „Teil“ der Seele, der im Unterschied zu den anderen Teilen „gottgleich“ ist. Dieser göttliche Teil der Seele ist nach seinen Worten von dem Geschaffenen in der Seele grundverschieden. Eckhart nennt den göttlichen Teil der Seele u.a. den Seelengrund. Ihm kommt seiner Wahrnehmung nach die Ungeschaffenheit und Unvergänglichkeit der Gottheit zu. Sie soll von der Gottheit nicht verschieden sein.

Die Gottheit ist nach seinen Worten im Innern der Seele ständig anwesend.

Nach Meister Eckharts Wahrnehmung sind Ideen als Urbilder alles Geschaffenen in Gott vorhanden. Die sinnlich wahrnehmbare Welt bildet diese Urbilder ab und verdankt ihnen ihr Dasein. Diese Beschreibung Eckharts entspricht dem keimhaften oder potentiellen Vorhandensein aller Dinge auf der Schöpfer-Ebene nach buddhistischen und daoistischen Erkenntnissen sowie den Wahrnehmungen des Autors.

Das Dasein der geschaffenen Dinge ist nach Eckhart ein Werden und Vergehen und  die Schöpfung ist damit kein abgeschlossener Akt, sondern ein fortwährender Vorgang: Gott entfaltet sich In der Schöpfung. Dies stimmt mit der Aussage der Daoisten überein, dass das Universum ein ungeheurer, in stetem Wandel begriffener  Organismus ist.

In China, Japan und überhaupt im Fernen Osten wurden die sogenannten Weg-Künste entwickelt, die spirituelle Wege darstellen. Hierzu gehören Bogenschießen, die Kampfkünste, Kalligraphie und andere, insbesondere künstlerische Fähigkeiten. Diese Weg-Künste weisen eine große Vergeistigung und Verinnerlichung auf und sind neben der Ausbildung in Sport, Kunst und anderen Techniken vor allem eine zur Höherentwicklung führende Ausbildung der Seele. Welche Faktoren sind hier im Spiel, dass die Weg-Künste so etwas leisten können? Es sind das intuitive Wissen und die Kräfte, die in der Meditation frei werden. Die Weg-Künste werden nämlich in einem meditativen Zustand verbunden mit einer schöpferischen Haltung ausgeübt. Dies bewirkt eine enorme Vertiefung und kann zu höchster Vollendung der entsprechenden Weg-Kunst führen. Die „höchste Wahrheit“ und höchste Vollendung einer Weg-Kunst dürfte nur erreicht werden, wenn in der Meditation die Schöpfer-Ebene erreicht wird, die ja identisch mit dem DAO ist. DAO, der Urgrund des Seins, wird ja mit Weg übersetzt, deshalb Weg-Kunst. Die Weg-Künste sollen zum DAO zurückführen. Wer aber stellt die feinstoffliche Kräfte und das intuitive Wissen hierfür zur Verfügung? Das ist der göttliche Teil im Menschen, der Urgeist, Selbst, höheres Selbst oder Neschamah genannt, der „vor Gott das Sagen hat“, also zur Schöpfer-Ebene gelangt, wie es in der Kabbala heißt, und noch viele andere Namen hat.

 

Wuji Tanzender Sufi

Tanzender Derwisch. Sufi, der sich beim Tanz um seine eigene Achse dreht (eigenes Foto).
Musik und Tanz sind für die Sufis Ausdruck der Freude in der Gegenwart Gottes.

 

Wer in der Türkei im Urlaub war, hat in der Regel in seinem Hotel im Rahmen einer Veranstaltung nach Einbruch der Dunkelheit tanzende Derwische oder Sufis gesehen, „Tanz der drehenden Derwische“ genannt. Der Autor hat in einem Seminar mit einem Sufi-Lehrer selber an solchen Rundtänzen teilgenommen. Es war ein sehr bemerkenswertes meditatives Erlebnis. Sufismus wird als die Mystik des Islam bezeichnet. Tatsächlich aber ist der spirituelle Weg der Sufis älter als der Islam. Im Neo-Sufismus heißt es, dass man Sufi sein kann, ohne Moslem zu sein. Es gibt viele Sufi-Orden mit unterschiedlichen Regeln, von denen einige auch in Deutschland ziemlich populär sind. Man spricht von einer Renaissance der Sufi-Bewegung. Einer der bekanntesten Sufi-Orden ist der der Mevlevis, der auf den bekannten Sufi-Dichter Dschalal ad-Din Rumi zurückgeht. Es sind die Sufis dieses Ordens, welche den Rundtanz praktizieren und sich dabei um ihre eigene Achse drehen.
Die orthodoxen Muslime stehen dem Sufismus oft kritisch gegenüber. In Saudi-Arabien mit seiner wahabitischen Ausprägung des Islam sind Niederlassungen von Sufi-Bruderschaften verboten.
Auf ihrem spirituellen Weg suchen die Sufis Gott so nahe zu kommen wie möglich. Die Gottes-Liebe ist ihnen das Wichtigste. Viele Sufis haben in Gedichten die Einheit mit Gott ekstatisch beschrieben. Vom Wein berauscht zu sein, steht in diesen Gedichten für die Liebe Gottes. Das folgende Gedicht stammt von dem bedeutenden Sufi-Dichter Farid al-Din Attar (1145-1220), dem Lehrer Dschalal ad-Din Rumis. Es ist nach Wahrnehmung des Autors ein Gedicht der siebten Ebene, der Ebene Gottes, der Schöpfer-Ebene.

Ist es Dein Gesicht,
das den Garten schmückt?
Ist es Dein Duft,
der diesen Garten berauscht?
Ist es Dein Geist,
der diesen Bach in einen
Fluss aus Wein verwandelt hat?
Hunderte kamen hierher
und starben auf der Suche
nach Dir in diesem Garten,
in dem Du Dich versteckt hast.
Aber dieser Schmerz ist nicht für diejenigen,
die als Liebhaber kommen.
Du bist leicht zu finden hier.
Du bist im Windhauch
und in diesem Fluss aus Wein.

Farid al-Din Attar

Der Sufi praktiziert auf seinem spirituellen Weg Meditation, Askese, Musik, Tanz sowie Dhikr. Zeitweise lebt er auch als Eremit. Musik ist für die Sufis Ausdruck der Freude in der Gegenwart Gottes. Der Dhikr ist die Wiederholung eines heiligen Wortes oder heiligen Satzes. Nach Idries Shah (Idries Shah: Magie des Ostens, Sphinx Verlag Basel, 1984) besteht der Sufi-Pfad aus den folgenden vier Stufen:

Murid   = Schüler
Tariqat = der den spirituellen Weg Gehende
Arif       = der Wissende
Fana    = die völlige Auslöschung aller Gedanken

Für den Sufi-Grad des Arif sollen alle Arten von übernatürlichen Fähigkeiten bezeichnend sein, wie z.B. die Beseitigung von Schmerzen, Heilung von Krankheiten, Gedanken lesen und das Vorhersehen der Zukunft. Hierzu werden bestimmte Dhikrs wiederholt ausgesprochen, generell bei Dunkelheit. Wenn ein übernatürliches Ergebnis erzielt werden soll, so muss sich das Dhikr nach Idries Shah auf einen Aspekt der göttlichen Macht beziehen, die der beabsichtigten Wirkung verwandt ist. Jeder der 99 Namen Allahs steht ja für eine Eigenschaft Gottes. So trägt er einen Namen als Kenner des Verborgenen, des Friedens, des Allmächtigen, des Siegers usw. Insbesondere im Zustand der Ekstase sollen Sufis alle Barrieren von Zeit und Raum überwinden können und scheinbar unmögliche Dinge vollbringen.
Wenn jemand auf seinem Sufi-Weg der Annäherung an Gott und der Gottesliebe so weit gekommen ist, dass er den 3. Grad eines Arif, eines Wissenden, erreicht hat, dann dürfte er, wenn er in meditativer Versenkung ein Dhikr wiederholt, das den Namen Gottes enthält, auf die siebte Ebene, die Schöpfer-Ebene gelangen, in das Reich der Urbilder, in dem keimhaft oder potentiell alles vorhanden ist und so seine übernatürlichen Werke vollbringen.

Die Antwort, auf die im Titel des Weblog gestellte Frage, wann unser Handeln die größte Aussicht auf Erfolg hat, ergibt sich in Anlehnung an das im Vorhergehenden Gesagten folgendermaßen:
Unser Handeln hat dann den größten Aussicht auf Erfolg, wenn wir uns in unsere Pläne meditativ versenken. Nachdem wir diese Pläne in der Meditation durch intuitive Einsicht und anschließend durch analytisches, schlussfolgerndes Denken als durchführbar und die materiell und geistig zu erwartenden Veränderungen als positiv wahrgenommen haben, können wir uns daran machen, sie zu verwirklichen. Die in der Meditation gewonnene Kraft kann uns bei der Verwirklichung helfen. Unsere Aussicht auf Erfolg dürfte ein Maximum erreichen, wenn wir in der Meditation die siebte Ebene, die Schöpfer-Ebene, erreichen.
So könnte der Anfang aussehen. Auch in die im weiteren Verlauf auftretenden Fragen und Probleme sollten wir uns meditativ versenken und sie dann durch intuitive Einsicht und analytisches, schlussfolgerndes Denken zu lösen versuchen. Beide Arten des Denkens sollten sich ergänzen. Die Art der Gefühle, positiv oder negativ, die bei einer Sache, einem Vorhaben, Plan usw. (in der Meditation) aufsteigen, sollte ebenfalls eine Rolle dabei spielen, ob wir das Vorhaben zu verwirklichen suchen oder nicht. Viele Menschen wissen, dass sie ihren Gefühlen sogar mehr vertrauen können als ihrem Denken.

 

wuji letzte Rosen

 

Letzte Rosen blühen (eigenes Foto)

 

wuji Herbst-Vollmond

 

Herbst-Vollmond (eigenes Foto)

 

Letzte Rosen blüh´n –
rot verglüht die Herbst-Sonne
zwisch´n gerupft´n Bäumen.

Früh sinkt die Sonne,
setzt das Herbst-Laub in Flammen;
die Bäume brennen!

Wandern und schauen.
Wir freu´n uns und sind glücklich.
Natur im Wandel!

Liebe zur Natur
ist die Liebe zur Mutter,
zu der wir gehör´n –
Erde ist es, der Kosmos
und der, dem alles entstammt.

 

 

wuji Adresse Mülheim