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Haikus und Tankas, Jotin, 15.02 bis 07.03. 2010: Spricht Gott durch Erdbeben zu den Menschen? Sind Naturkatastrophen Strafgerichte Gottes?

Freitag, Februar 12th, 2010

Spricht Gott durch Erdbeben zu den Menschen? Sind Naturkatastrophen Strafgerichte Gottes?

Angefangen bei der minoischen Kultur, der ersten Hochkultur auf europäischem Boden, bei deren Untergang Erdbeben mitgewirkt haben (s. Abb.), zerstören immer wieder große Beben die Städte der Menschen und fordern Tausende von Menschenleben. Betroffen sind vor allem tektonisch unruhige Gebiete, in denen sich Erdplatten gegeneinander verschieben.

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Erdbeben haben natürliche Ursachen, viele Menschen glauben jedoch auch, dass Gott durch Erdbeben (und andere Katastrophen) zu ihnen spricht. Sie sind der Auffassung, dass Gott die Menschen durch Erdbeben bestraft, wenn sie von dem Weg abweichen, den sie für den einzig wahren halten. Wie berichtet wird, gilt dies u.a. für eine große Anzahl Christen auf Haiti, nachdem der Karibikstaat im Januar 2010 durch ein Erdbeben erschüttert wurde, das über 200 000 Toten und noch mehr Verletzte forderte. Diese Christen auf Haiti sehen das Erdbeben als ein Gericht Gottes. Es sind nicht nur die Christen auf Haiti, welche in dem Erdbeben den Zorn Gottes sehen. Auch der Patriarch von Moskau und Vorsteher der russisch orthodoxen Kirche Kyrill I. ist anscheinend dieser Auffassung, denn bei einem Besuch in Kasachstan sagte er:“… Haiti ist ein Land voller Sünde und Verbrechen und Gott hat das Erdbeben als Strafe geschickt.“

Der evangelikale US-Fernsehprediger Pat Robertson (Virginia Beach/Bundesstaat Virginia) sieht im Erdbeben von Haiti sogar die Folge eines „Pakts mit dem Teufel“. Die Bevölkerung habe diesen Pakt Ende des 18. Jahrhunderts mit Hilfe einer Vodun-Zeremonie ( Vodun, umgangssprachlich Voodoo) geschlossen, um von den französischen Kolonialherren befreit zu werden, sagte Robertson im TV-Sender Christian Broadcasting Network. Robertson gilt als einer der öffentlichkeitswirksamsten konservativen Protestanten in den USA.

2003 hat der damalige Staatspräsident Jean-Betrand Aristide den Vodun-Kult zur zweiten Staatsreligion neben dem Katholizismus erklärt. Vodun-Priester sollen darauf hin Haiti mit Tieropfern erneut dem Teufel geweiht haben. Hierbei muss man berücksichtigen, dass in der Sicht der christlichen Religion viele Wesenheiten Teufel sind, die in anderen Religionen durchaus nicht als negative Wesen gesehen werden. Der Name Vodun geht zurück auf die Gottheit Vodun des westafrikanischen Yoruba-Volkes, die möglicherweise schon vor 6000 Jahren in Afrika verehrt wurde. Mit den verschleppten Sklaven gelangte die Religion nach Haiti und zu den anderen Inseln Mittel-Amerikas, wo sie christliche Elemente aufnahm. Die meisten Erwachsenen Haitis sollen die Vodun-Religion praktizieren, auch wenn sie nominell Christen sind. 2004 hatten rund 100.000 Evangelikale aus Anlass des 200. Jahrestages der Unabhängigkeit den Staat Haiti Jesus Christus geweiht. Ziel war u.a., die Vorherrschaft des Vodun-Kultes zu brechen.

Weltweit praktizieren heute über 60 Millionen Menschen Vodun. Religionen ähnlich wie Vodun sind Umbanda, Quimbanda und Candomble. Letztere werden vor allem in Südamerika praktiziert.

Die Geistwesen im Vodun sind die Loa. In der Yoruba-Sprache bedeutet dies Mysterium. Es gibt außerdem Hunderte einfacher Geistwesen, die u.a. Rada genannt werden. Im folgenden sind einige der Loa mit ihren Eigenschaften aufgeführt: Ayza ist ein Schutzgeist, Baka ein negatives Geistwesen, das die Form eines Tieres annimmt. Baron Samedi ist der Wächter der Fiedhöfe, Erinle der Geist der Wälder, Ezili der weibliche Geist der Liebe, Ogou Balanjo der Geist des Heilens, Osun der Geist der Heilungsströme, Yemanja der weibliche Geist des Wassers. (Siehe die folgende Abb. eines einfachen Simbi genannten Wassergeistes aus dem Vodun sowie die Abb. einer afrikanischen Muttergottheit!)

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Zwei Naturgeister aus der germanischen Mythologie (Die „Nixe“ gehört wie Simbi oben zur Kategorie der Wassergeister, steht allerdings in der Hierarchie weiter oben; sie fungiert als Schutzgeist) :

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Es gibt eine Reihe von Ähnlichkeiten zwischen dem römischen Katholizismus und Vodun: Beide Religionen glauben an ein höchstes Wesen

Die Loa gleichen christlichen Heiligen. Sie haben festgelegte Aufgaben und spezielle Attribute.

Beide Religionen glauben an ein Leben nach dem Tode.

Beide glauben an die Existenz von negativen Geistwesen und Dämonen.

Anhänger des Vodun glauben, dass jeder Mensch einen „Meister des Kopfes“ hat. Dieser korrespondiert mit dem Schutzgeist im christlichen Glauben.Anhänger des Vodun glauben, dass jeder Mensch eine Seele hat, die aus zwei Teilen zusammengesetzt ist, nämlich einem „Großen Schutzgeist“ sowie einem „Kleinen Schutzgeist“.

Der Kleine Schutzgeist, der offensichtlich mit Freiseele identisch ist, verlässt den Körper während des Schlafes und wenn eine Person während eines Rituals einen Loa inkorporiert hat. Es besteht Übereinstimmung darüber, dass der „Kleine Schutzgeist“ durch Schwarze Magie verletzt oder gefangen werden kann, wenn er außerhalb des Körpers unterwegs ist.

Ein Vodun-Ritual

Bei den Vodun-Ritualen geht es hauptsächlich um Heilung. In einem bestimmten Rhythmus werden Trommeln geschlagen, bei deren Klängen die Tänzer in Ekstase geraten und in diesem Bewusstseinszustand ein Geistwesen (Loa im Vodun; Orisha im Macumba z.B.) inkorporieren, mit dem sie durch ihre Veranlagung und Ausbildung eine Verbindung eingegangen sind. Es wird gesagt, dass sie von ihrem Geist geritten werden. Das Benehmen und die Bewegungen eines Tänzers sind für den inkorporierten Geist charakteristisch. Wenn ein Wassergeist inkorporiert wurde, bewegt sich der Tänzer z.B. in fließenden, schlängelnden Bewegungen. Stampfende Bewegungen sind für die Erd- und Feuergeister typisch.

Wenn ein Medium einen Geist inkorporiert hat, kann es Gläubige, die sich an es wenden, heilen und auch beraten. Die Kräfte des Mediums und des Geistes verbinden sich. Sie sind zusammen größer. Typisch für ein Medium, das einen Geist inkorporiert hat, ist das Geben von Passes. Unter Passes werden  Praktiken verstanden, mit denen negative Fluide aus dem Körper der Gläubigen  entfernt werden. Dazu streicht das Medium mit den Händen je nach den Beschwerden an Kopf, Rumpf, Armen und Beinen des Gläubigen entlang, um so die negativen, Krankheit verursachenden und mit Krankheit verbundenen Fluide aufzunehmen. Anschließend streift oder schüttelt es die negativen Fluide von seinen Händen ab. (Ähnliche Praktiken wie die Passes sind auch im Reiki und bei bestimmten Arten der Geistheilung üblich.)

Die Opfergaben im Vodun sind u.a. Lebensmittel, Alkohol, Blumen. Zu den Opfergaben gehören auch Tieropfer. Bei den Tieropfern nimmt der Geist die Lebensenergie des Tieres auf.

Ob aufgrund der Ausübung der Vodun-Religion bzw. aufgrund bestimmter Rituale tatsächlich ein Pakt mit dem Teufel geschlossen wird, erscheint dem Autor unwahrscheinlich. Bevor jemand ein Urteil fällt, sollte er noch folgendes bedenken, als erstes, dass die Vodun-Religion in den Voodoo Hollywood-Filmen in einer verzerrten Form dargestellt wird, die nicht der Wirklichkeit entspricht. Die Einwohner Haitis sind desweiteren überwiegend afrikanischer Abstammung. Als alte afrikanische Religion harmoniert Vodun wahrscheinlich recht gut mit ihrer Veranlagung. Abgesehen davon, dass Geistwesen, welche das Christentum als Teufel bezeichnet, in anderen Religionen keine Teufel sind, sondern den Menschen beim Überleben helfen, sollten auch noch die folgenden Ausführungen  berücksichtigt werden:

Nach den Untersuchungen von David Barret und seines Teams gibt es auf der Erde 19 große Religionsgruppen, die sich in 10 000 verschiedene Religionen aufgliedern. Allein im Christentum können 34 000 separate Gruppen unterschieden werden. Das Gebiet, auf dem sich die Religionen am meisten unterscheiden, betrifft die Natur der Gottheit. Es gibt den Atheismus, Animismus, Monotheismus, Pantheismus, Polytheismus, um nur einige Richtungen zu nennen. Innerhalb einer großen Spannweite liegen auch die Glaubensvorstellungen über das Schicksal des Menschen nach dem Tode. Darüber hinaus gibt es vor allem Unterschiede in der Ausübung der Religion sowie auch in den Auffassungen darüber, was erlaubt ist und was nicht. Die meisten religiösen Gruppen lehren, dass nur ihr eigener Glaube und die eigene Glaubenspraxis richtig sind, alle anderen aber Irrtümern enthalten. Diesen Anspruch vertritt auch die überwiegende Anzahl der Menschen, die in einem bestimmten Glauben erzogen und aufgewachsen sind, ob es sich nun um Hindus, Christen, Moslems oder Angehörige anderer Religionsgemeinschaften handelt.

Manche Menschen halten von diesem Absolutheits-Anspruch allerdings auch gar nichts. Mahatma Gandhi sagt z.B.:„Nach langem Studium und Erfahrung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass alle Religionen wahr sind; alle Religionen haben aber auch Irrtümer in sich; alle Religionen sind mir fast ebenso lieb wie meine eigene, der Hinduismus; alle menschliche Wesen sollten einem so viel wert sein wie die eigenen nahen Verwandten. Meine Verehrung für andere religiöse Überzeugungen ist die gleiche wie die für meinen eigenen Gauben; aus diesem Grunde ist kein Gedanke an einen Wechsel möglich.“(M. K. Gandhi, All Men Are Brothers, Paris, UNESCO 1958, S. 60)

John Shelby Spong (geb. 1931), ein pensionierter Bischof der Episcopal Kirchen Diözese in Newark, USA, vertritt eine ähnliche Ansicht:„Wahre Religion bedeutet nicht, die Wahrheit zu besitzen. Keine Religion tut dies. Sie ist eher eine Einladung zu einer Reise, die uns zu dem Mysterium Gott führt…“ (Bischof J. S. Spong „Q&A on The Parliament oft he World´s Religions,” weekly mailing, 05. Sept. 2007)

In seinem unten genannt Buch führt der Bischof aus, dass weder das Christentum noch ein anderes religiöses System ein Monopol im Blick auf die Erlösung oder den Zugang zum Heiligen hat. (J. S. Spong: Die Sünden der Heiligen Schrift  Wie die Bibel zu lesen ist, Patmos Verlag, Düsseldorf 2007)

Den Aussagen von Gandhi und Bischof Spong, wie sie im vorhergehenden aufgeführt sind, fügt der Autor folgendes hinzu:  Wenn kein religiöses System ein Monopol im Blick auf die Erlösung oder den Zugang zum Heiligen hat, dann hat auch keine Religion das Recht darauf, eine andere zu verdammen und damit steht es Christen auch nicht zu, die Anhänger des Vodun zu verteufeln. Man kann von den Religionen nur verlangen, dass sie die weltlichen Gesetze einhalten. Ihre Absolutheitsansprüche sollte man zurückweisen.

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Elia begegnet Gott auf dem Berg Horeb:

Auf die Frage, ob Gott durch Erdbeben zu den Menschen spricht, gibt es auch eine Antwort in der Bibel, die jeder akzeptieren kann, nämlich den Bericht, wie Gott dem Elia auf dem Berg Horeb begegnet (1. Könige 19). „…ein großer, gewaltiger Sturm, der Berge zerriss und Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; aber der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer das Flüstern eines leisen Wehens. Als Elia dies hörte, verhüllte er sein Angesicht mit dem Mantel, ging hinaus und trat an den Eingang der Höhle.“ 

Der Text sagt nicht, dass Gott in diesem Flüstern ist. Es zeigt nur die Umstände, in welchen Gott dem Menschen begegnet, nämlich in der Stille und dass er auch nicht die Feinde der Gläubigen durch Erdbeben oder Feuer vernichtet. Noch einmal bricht es aus Elia heraus: „Geeifert habe ich für den Herrn, den Gott der Heerscharen! … und jetzt trachten sie danach, auch mir noch das Leben zu nehmen.“
Aber dann schmelzen sein Zorn und seine Enttäuschung dahin. Er lässt Gott das Wort. Er nimmt einen neuen Auftrag entgegen: „Auf, zieh wieder deines Weges aus der Wüste nach Damaskus, geh hinein und salbe Hasael zum König über Syrien.“

Das Erdbeben von Haiti im Januar 2010 wirft auch wieder ein altes Problem neu auf: Wie kann ein allmächtiger und gütiger Gott ein so großes Unglück wie dieses zulassen?

Nach dem Erdbeben, das 1755 Lissabon zerstörte, wurde die gleiche Frage gestellt. Der sechsjährige Johann Wolfgang Goethe gab hierauf eine Antwort, die der Autor akzeptieren kann und viele Leser wahrscheinlich auch:

„Der sechsjährige Johann Wolfgang Goethe  besuchte 1755 zusammen mit seinem Großvater eine der vielen Gedenkpredigten, die in den meisten Kirchen gehalten wurden. Beeindruckt notierte seine Mutter, wie ihr Sohn heimgekehrt voller Weisheit kommentiert habe:

Am Ende mag alles noch viel einfacher sein, als der Prediger meint. Gott wird wohl wissen, dass der unsterblichen Seele durch böses Schicksal kein Schaden geschehen kann.“ (FAZ v. 30. Januar 2010, Nr. 25: Ein Porträt der Erde als das Bildnis unseres Jammers.)

Wie lautet nun die Antwort auf die eingangs gestellte Frage?

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Gott durch Erdbeben zu den Menschen spricht und Naturkatastrophen Strafgerichte Gottes darstellen. Mit großer, sehr großer Wahrscheinlichkeit läuft bei einem großen Erdbeben in der Regel alles nach Naturgesetzen ab. Aber völlig ausschließen kann man das Eingreifen höherer Mächte in Einzelfällen auch nicht und dies könnte dann auch noch nach Naturgesetzen geschehen, die heute allerdings noch unbekannt sind. Ob dies geschieht oder nicht geschieht, wir wissen es nicht; allerdings weisen gewisse Phänomene darauf hin, dass es möglich sein könnte. 95-fruhling-auf-leinwand-m-haikus.jpg

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