
Kalligraphie “ten” von Christine Lehmann, 2002
Seit Entstehung der Streitenden Reiche wird in China die Zahl 10 durch ein Kreuz dargestellt. Ursprünglich war die Zehn ein senkrechter Strich. Die Zahl 1 wird seit eh und je durch einen waagrechten Strich dargestellt. Die alte Zehn und die Eins wurden zur heutigen Zehn.
“… ist die Zahl 10 Ausdruck einer qualitativen Eigenschaft”, schreibt Dominique Hertzer (Das Mawangdui Jijing, S. 104, Diederichs Gelbe Reihe, 1996), “sie verkörpert eine in sich abgeschlossene vollkommene Zeiteinheit. Die Zehn ist Symbol der Vollendung selbst, denn der horizontale Strich repräsentiert die Ost-West Verbindung, der vertikale die von Nord nach Süd, so dass sie gemeinsam die vier Richtungen umfassen und sich in ihrer Mitte das Zentrum befindet.”
Aus “Das Dreifaltige Himmelszelt im Entschlüsselten I-Ging” von Wilhelm Josef Giebel, 2007
Wie aus Kap. 2.3 des genannten Buches hervorgeht, ist die Zehn in mehrfacher Hinsicht ein Ordnungsprinzip der 64 Hexagramme des I-Ging.
Wie weiter gezeigt wird, stellen die Hexagramm alte chinesische Sternbilder und Symbole dar. Das bedeutendste dieser Symbole ist das Kreuz, denn es wird von den beiden Hexagramm-Paaren sowohl größter Harmonie als auch größter Reinheit gebildet, von denen es nur diese beiden gibt. Ihre Ordnungszahlen und Bezeichnungen gehen aus der Abbildung hervor. Desweiteren auch die Trigramme, aus denen sie sich zusammensetzen. In der Senkrechten verbinden sich (die Trigramme) Himmel und Erde, in der Waagerechten Wasser und Feuer. Sie begegnen sich im Zentrum des Kreuzes und Himmel und Erde bringen mit Hilfe von Feuer und Wasser die übrigen vier Trigramme und die Myriaden von Dingen hervor. Ein christliches Symbol wurde das Kreuz erst später.
Die Vertikale im I-Ging Kreuz verbindet Himmel und Erde. Engel steigen in Glanz gehüllt vom Himmel zur Erde nieder. Aus welcher Naturerscheinung könnte das Kreuz als Symbol für die Verbindung zwischen Himmel und Erde hervorgegangen sein?

Shen, das Zeichen für Gott und Blitz
In dem Schriftzeichen Shen für Gott geht der senkrechte Balken des Kreuzes über die obere und untere Begrenzung des Quadrates hinaus. (Wenn das Kreuz auf das Quadrat beschränkt ist, bedeutet es in der Orakelknochen-Schrift “Wohnort der Menschheit”.) Das Schriftzeichen oben ist das Stammwort von Blitz. In seiner ursprünglichen Form sah das Zeichen wie ein Blitzstrahl aus, der vom Himmel niederzuckt. Da der Blitz in der Urzeit als Erscheinen eines Gottes betrachtet wurde, gebrauchte man das Zeichen oft auch für Gott. (Nach Li Leyi: Entwicklung der chinesischen Schrift am Beispiel von 500 Schriftzeichen, Verlag der Hochschule für Sprache und Kultur Beijing, 2001)
Das Kreuz im I-Ging kann also als Zeichen aufgefaßt werden, das aus dem Blitz hervorgegangen ist:
Ist der Blitz Vorbild für das Kreuz im I-Ging?
Bei den Germanen war das Taukreuz der Hammer Thors und stand tatsächlich auch für Donner und Blitz, desweiteren auch für Regen und Sturm sowie Fruchtbarkeit.
540
Mit blendendem Glanz
vom Himmel zuckender Blitz
hat dich, Kreuz, gebor´n!
541
Das Kreuz verbindet
Himmel und Erde, Sonne
und Mond, harmonisch
und rein, in Frieden und auch
Unfrieden zur Vollendung.
I
Tanka aus dem oben genannten Buch
542
Geflügelt und mit
Blitzen gegürtet - Engel,
Boten des Ew´gen.
543
Licht flammt geräuschlos
am dunklen Nachthimmel auf,
wieder und wieder!
544
Geräuschlos flammen
Blitze am Horizont auf.
erhellen die Nacht!